Over The Edge Club

Aus ferner Zukunft schaut gamut inc’s neues Musiktheater durch die Augen einer Superintelligenz. Sie träumt einen Deep Dream von ihren Vorgängern, die irgendwo in ihrem Gencode gespeichert sind. Die überholten KIs erscheinen in Form eines menschlichen Performer-Avatars.

From a distant future gamut inc’s new music theater looks through the eyes of a super intelligence. She dreams a deep dream of her predecessors, stored somewhere in her genetic code. The outdated AIs appear in the form of a human performer avatar.

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Besetzung:
GAMUT INC / Marion Wörle, Maciej Śledziecki
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Inszenierung, Komposition, Bühne, Videos und Licht
GPT-3 & GAMUT INC: Libretto
RUBEN RENIERS: Tanz, Choreografie
ANKE BRUNS: Kostüm
PAUL PAULUN: Outside Eye
ROBERT NACKEN: Mastering
FLORIAN KRÖCKEL: Produktionsleitung
SARAH ROSENAU: Pressearbeit Berlin
VERA FIRMBACH: Pressearbeit Köln
MARION WÖRLE: Grafikdesign
CHRISTOPH VOY: Fotos
Video-Dokumentation:
KAMERA
: INPETTO, GAMUT INC
FILMSCHNITT: GAMUT INC
Special thanks to David Robert for councelling, and Scott Aarnson for the interview with Eugene Goostman

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PRESSEFOTOS DOWNLOAD

Reviews

„Die anfangs nicht so naheliegende Verschränkung von Künstlicher Intelligenz und dem Traumerlebnis überwindet den Dualismus Mensch–Maschine und versetzt die Superintelligenz in einen Krisenzustand.“
Die Deutsche Bühne

“Man hat den Eindruck an einer cyber-psychedelischen Seance teilzunehmen.”
Deutschlandfunk Kultur

“Und zu diesen Computerdialogen haben Marion Wörle und Maciej Sledziecki einen effektvollen Soundtrack komponiert. Mal wirkt der Tänzer wie ein Maschinenmensch, mal wie eine Gestalt aus einem Horrorfilm. Nichts ist klar greifbar, doch an vielem entzündet sich die Fantasie.”
RBB KulturRadio

“In anderen Momenten entstehen auch sirenengleiche Klänge, die mit einer nicht von Menschenhand gemachten Bilderflut verschmelzen und den Weg in noch nie begangene Traumlandschaften weisen. Das macht bereits Eindruck am eigenen Bildschirm.”
taz – die Tageszeitung


OVER THE EDGE CLUB – Programmtext

Künstliche Intelligenz ist ein schlechter Koch. Das Rezept für Wassermelonenkekse wurde zwar auf Grundlage eines neuronalen Netzwerks erstellt, das an Millionen von Rezepten lernen konnte, die glubschartigen Zuckerbomben konnten die Verkoster dennoch nicht  überzeugen. Befeuert durch eine neue Phase der Euphorie traut man der KI aber immer mehr Aufgaben jenseits der klassischen Felder zu.

Nachdem die Software Deep Blue 1997 Garry Kasparov beim Schach besiegte, wurde langsam klar, dass der Wettbewerb in logischen Spielen zwischen Mensch und Maschine ähnlich sinnvoll ist wie ein Wettrennen gegen einen fahrenden Zug. Die spielen einfach ein anderes Spiel. Mittlerweile kann die Schach-App im Smartphone besser spielen als Deep Blue. Als nächste Hürde versuchte man sich in GO – das Spiel ist komplexer und schwerer zu berechnen als Schach. Alpha GO besiegte den südkoreanischen Meister Lee Sedol 2016 vernichtend. Bei manchen Zügen glaubten die Beobachter Kreativität zu erkennen – besonders wurde der „God-move“ kommentiert, der in einem der Spiele den kompletten Spielverlauf zugunsten der Maschine drehte. 
Alpha Go wurde ähnlich wie Deep Blue mit Millionen von Spielen gefüttert, anhand derer es die besten Strategien erlernte. Es fand erfolgreiche Lösungen, die Menschen in der langen Zeit der GO-Geschichte nicht einfielen. Mittlerweile lernen die Menschen das Spiel auch von der Maschine. 
Dem Programm Alpha Zero hingegen wurden keine Spiele mehr gegeben, lediglich die Spielregeln. Innerhalb von drei Tagen, an denen es gegen sich selbst spielte, erreichte es eine Spielstärke, gegen die weder ein GO Meister, noch sein nun überholter Vorgänger Alpha GO eine Chance hat. 

Viele glauben, dass obwohl KI bereits jetzt eingeschränkt Autos steuern kann, sie nicht in der Lage ist, Verkehrskreuzungen oder Ampeln auf einem in kleine Teile aufgetrennten Photo zu erkennen. Dabei besteht der Test der Captchas gar nicht darin, diese Objekte zu erkennen, sondern wie man sich dabei verhält. Wird das kleine und oft ärgerliche Rätsel zu schnell gelöst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um eine Software und nicht um einen menschlichen User handelt. Bewegt sich der Cursor suchend über den Feldern, zweifelnd ob das gerade noch ins Nachbarfeld hineinragende Dach noch zur Kategorie „Haus“ zählt, und somit angeklickt werden muss, dann handelt es sich vermutlich um einen Menschen. 

Captcha steht kurz für den etwas länglichen Satz „Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart“. Also ein automatisierter Test, in dem entschieden wird, ob das Gegenüber ein Mensch oder eine Maschine ist. Dessen umfangreichere ursprüngliche Form ist nach dem britischen Mathematiker Alan Turing benannt. Darin kommunizieren Menschen mit einem hinter einer Wand versteckten Gesprächspartner, und sollen anschließend entscheiden, ob sie mit einem Menschen oder einer Maschine sprachen. Kann der Prüfer es nicht unterscheiden, gilt der Turing Test für die Maschine als bestanden. 

Der erste Chatbot, der 2001 angeblich den Turing Test lösen konnte, gab sich als 13-jähriger ukrainischer Junge namens EUGENE GOOSTMAN aus. Liest man allerdings die Protokolle der Befragungen, fragt man sich allerdings, wie die Prüfer zu ihrem Ergebnis kamen. Und welcher ukrainische Junge soll schon Eugene Goostman heißen? 

Diese Figur steht in einer längeren Tradition, Chatbots und KI Namen zu vergeben. So taufte  Joseph Weizenbaum seine 1966 programmierte Psychotherapeutin ELIZA. Er war selbst überrascht, dass seine Mitarbeiter Stunden vor der Software verbringen konnten und ihr intimste Geheimnisse anvertrauten. Und das, obwohl das Programm lediglich die Aussagen der Patienten in recht redundanten Frageformen an sie zurückspielte. Willkommen in der Echokammer. 

ELIZA war ein Durchbruch in der Entwicklung der KI, die euphorische Phasen, aber auch als KI-Winter bezeichnete Phasen der Ernüchterung durchlief. Ihre Vorlage ermöglichte Entwicklungen wie Siri oder Alexa. Oder KIKU, die Chatbotin, die seit mehreren Jahren regelmäßig den wichtigsten Chatbotwettbewerb, den Loebner-Prize, gewinnt. KIKU kann über weite Strecken bei einer Art sinnvollem Dialog mitspielen. 

Diese und andere Figuren lassen wir als synthetisch erzeugte Stimmen im OVER THE EDGE CLUB zusammenkommen. Eine Superintelligenz träumt von diesen obsolet gewordenen Vorgängern. Die Passagen des Stücks orientieren sich an den menschlichen Schlafphasen: Einschlafen, leichter Schlaf, wiederkehrende Rapid Eye Movement Phasen, Normschlaf, Tiefschlaf und schließlich das Aufwachen. In jeder Phase sind bestimmte Gehirnwellen besonders aktiv – diese Frequenzen und Dauern tauchen im Stück immer wieder auf. 

Anhand dieser Ausgangssituation ließen wir die Software GPT-3 Texte erstellen – einige wirkten fast rund, aber doch etwas fade. Und manchmal fand sich so etwas wie eine poetisch anmutende logische Verschiebung darin. 

Wir konnten es uns nicht nehmen lassen, KIKU und ELIZA in einen Dialog zu bringen, bei dem wir den Output der einen der anderen als Input gaben. Dann gibt es noch KI-erstellte Gesichter, die echten zum Verwechseln ähnlich sind, aber: these persons do not exist. Sie wurden durch neuronale Netzwerke erstellt und werden zum Beispiel in Fake-Profilen sozialer Medien verwendet. 

Und vielleicht wird es die KI doch noch schaffen, ein paar gute Rezepte zu erzeugen. Man kann sich etwa vorstellen, dass sie Speisen aus noch im Kühlschrank verfügbaren Zutaten zusammenstellt. Oder nach den jeweiligen geschmacklichen Vorlieben. Oder schon mal gleich bestellt, was noch fehlt, anstatt nach der oft in der Science Fiction zitierten Dominanz der Maschine über den Menschen zu streben.

Maciej Sledziecki und Marion Wörle, 2020

Sie sind hier im OVER THE EDGE CLUB versammelt und spiegeln die Sehnsüchte und Wünsche vergangener Generationen und Spezies wider. Der Titel bezieht sich auf die think-tanks von Wissenschaftlern, insbesondere den berühmten Club „The Edge“, in dem hochkarätige Intellektuelle Zunkunftsoptionen der Menschheit erörtern.

gamut inc‘s OVER THE EDGE CLUB schafft einen verzerrten und ironisch durchsetzen Resonanzraum für Träume und Visionen der Gegenwart: Was passiert eigentlich mit all den „Künstlichen Intelligenzen“ wenn der Fortschritt sie überholt?

Die schematischen Antworten des Chatbots „Eliza“, bahnbrechend in den Sechzigerjahren, lassen einen heutzutage lediglich amüsiert lächeln. Wie schnell wurde „Alpha Go“, die erste Software, die sich beim Spiel Go auf Meisterniveau mit Menschen messen konnte, von ihrem Nachfolger „Alpha Zero“ vernichtend geschlagen? „Alpha Zero“ hatte das Spiel ohne menschliche Hilfe, rein durch spielen gegen sich selbst erlernt, und verfolgt mittlerweile Strategien, die in der jahrhundertelangen Geschichte des Spiels noch nie von Menschen erdacht wurden. Die nächsten KI-Generationen werden wohl nicht mehr von Menschen, sondern von anderen KIs entwickelt. Wir werden immer mehr zum faszinierten und zweifelnden Betrachter, wie die Maschine uns überholt, ohne dass wir deren Kausalketten noch nachvollziehen können.

„We created a universe, that universe of numbers with a life of their own. A universe of selfreproducing digital code, it‘s growing by five trillion bits per second, we are still here at the big bang of that thing, and I don‘t think we are studying it enough, what‘s it gonna be in ten thousand years, what‘s it gonna be in one hundred years?“
George Dyson 2016

Förderer und Partner:

gamut inc and Anke Bruns during rehearsals, October 2020